Heinz Pelz

Der "Grund" der Bildproduktion

Franz Littmann

Shakespear meets Elvis

Wolf Pehlke

Zufall und Kalkül

Franz Littmann

Drift

Harald Kröner

Dr. Franz Littmann

 

Der "Grund" der Bildproduktion

 

 

Sehen und Wahrnehmen im Zeitalter der neuen Medien bedeutet Zeichen erkennen, Codes analysieren und Informationen identifizieren. Der "Sinn für die Haut der Dinge" (1) verkümmert immer mehr. Der Zwang zur Eindeutigkeit und Festlegung des Gesehenen bei gleichzeitiger Blindheit für Differenzen und Nuancen ist eine Konsequenz der totalen Abstraktion; der restlosen Vernunftherrschaft.

Gegen die Verabsolutierung des Kopfes bzw. die Privilegierung des Blicks formuliert die bildende Kunst ihren Widerspruch. Er ist allerdings vielfach verschlüsselt und "im Grunde" von der Logik der Vereinheitlichung nicht zu unterscheiden.

Der Widerspruch der gemalten Bilder äußert sich sprachlos und unbegrifflich. Die Kraft der leibhaftigen Einbildung, die von innen mobilisiert wird, stellt eine nicht - abstrakte, mehrdeutige und rätselhafte Erkenntnisform dar, die ein Einverständnis mit dem von der Abstraktion verordneten Abschied von der Erde (2) verweigert.

Bei seinen wiederholten Versuchen, das Fundament der Einbildungskraft näher zu bestimmen bzw. bei der Rekonstruktion dessen, was wider Willen geschieht in der Metastase der Bilder, ist Dietmar Kamper auf die Denkfigur der "paradoxalen Wiederholung" gestoßen. Für die Kunst liefert sie ein vorläufiges, aber überraschend taugliches Instrument zur genaueren Bestimmung und Transformation der Mechanismen jener Wahrnehmungs-blockaden, die das Projekt der Verkopfung und Aufklärung begleiten. In der gegenwärtigen Krise des Sichtbaren, so lautet seine weitergehende Folgerung, hat Kunst eine Chance, wenn sie die Gegenparadoxie als Strategie verschreibt, d.h. das, was bisher immer nur passierte, zur Absicht macht. (3) In eine ähnliche Richtung steuern Überlegungen von Heidegger, Derrida, Levinas, Lyotard u.a.  Es sind Versuche, aus dem Scheitern "der Angstbewältigung durch Bilder" zu lernen, d.h. die Krise des Sichtbaren als Chance zu begreifen, um mit vergessenen Möglichkeiten der Bildproduktion in Kontakt zu kommen. (4)

Vor diesem Hintergrund sind die folgenden Überlegungen Hinweise auf Produktivkräfte, die allerdings aufgrund einer mehrtausendjährigen Destruktion nur noch am Rande und entstellt vorkommen. (5)

Die Entwicklung des Gattungswesens Mensch ebenso wie die jedes sich entwickelnden Einzelmenschen basiert auf seiner Identität. Ihre Absicherung und Bestätigung hängt wiederum von der Erkenntnis und Anerkennung durch andere Menschen ab. Somit stehen gegenseitige Wahrnehmung und Reflexion von Bildern am Anfang. Sie sind "grund-legend" für jene Entwicklungen, die die Spaltung in Innen und Außen, Ich und Welt, d.h. die Herstellung einer "zweiten Welt" mit Hilfe von Abstraktionen ermöglichen. (6) Zur Erzeugung dieser "zweiten" Wirklichkeit lassen sich zwei Strategien unterscheiden: Mimesis und Simulation. "Simulation ist Nachahmung, Mimesis Vorahmung; beide stellen >ahmende< Verfahren dar, deren Resultate für die Beteiligten glaubwürdig sind. Simulation geht auf Identität: sie ist mit Räumen konfrontiert. Mimesis vollzieht sich in der Zeit: Sie hält eine Differenz offen, die erfahrbar ist." (7) Beide Strategien dienen der "Selbst - Verständigung". Im Verlauf der abendländischen Zivilisation wurde schon sehr früh das Verfahren der Mimesis, das im wesentlichen aus körperlichen Übungen einer Wiederholung besteht, zugunsten von linearen, rationalen, körperfeindlichen Konzepten verdrängt. Wiederholung wurde als "Gefangenschaft" in der Zeit denunziert; die Zukunftsperspektive, die das Alte aufklärt und analysiert, wurde favorisiert. Das Neue, die Erfindung, die Freiheit, der Ausweg aus der Geschichte wurde zum Markenzeichen der rationalen Gesellschaftskonstruktion. Der Gegensatz ist uralt: Levi - Strauss spricht in "Das wilde Denken" vom grundlegenden Gegensatz zwischen Licht-, Aufklärungs- und Sonnenmetaphern wie z.B. dem Adler und ihrem Widerpart (dem chtonischen Charakter der Jagd, der Jäger in der Falle usw.). Das entscheidende Element bei "linearer" Herstellung von Identität ist der Umgang mit der Zeit. Je nach Strategie wird das (zeitliche) Chaos durch eine (räumliche) Ordnung ersetzt; d.h. man hat den "abstrakten" Überblick und überschaut Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Ganzes. Das Ziel ist die überzeitliche Illusion und ihr Mittel in der Neuzeit die lineare Perspektive. Demgegenüber steht die - wahrscheinlich ältere - Auffassung, daß die "zweite" Welt durch mimetische Handlungen erzeugt werden muß, demzufolge muß eine urbildhafte, ursprüngliche Realität wiederholt werden. Was in der Vergangenheit bereits unzählige Male getan wurde, wird in der "wirklichen" Wiederholung jeweils zum ersten Mal getan. Eine "Wiedergeburt" steht auf dem "Spiel".

Das Labyrinthsymbol veranschaulicht diesen "konkreten" Vorgang. Die Durchwanderung gelingt nur, wenn man den Plan kennt bzw. ihn repräsentierten kann. Die rituelle Wiederholung ist sozusagen abhängig von der körperlichen Erinnerung von Merk - Malen, Vorbildern. Bis heute geschieht dieser Nachvollzug szenischer Darstellung in Form von Tänzen. (8/9) Was Menschen über ihre Identität wissen, (wo man ist, wo man gewesen ist, wohin man geht: es sind die Grundfragen der Philosophie), muß also bereits existiert haben. Wenn man dieses Wissen begreifen will, wenn es dargestellt werden soll, muß man es wieder - holen. Allerdings geht es beim erkennenden Wiederholen bzw. bei der wiederholenden Erkenntnis keineswegs um intentionales, willentliches oder bewußtes Tun. Auf magische Zwecke gerichtetes Ein - Bilden hat eine paradoxale Form: "Während die Anstrengung darauf zielt, darauf zielen muß, >Etwas< zu wiederholen, um es zu erinnern und damit zu >haben<, wird dieses >Etwas< verweigert, damit die zeitliche Bewegung der Wiederholung selbst gelernt werden kann." (10) Die paradoxe Struktur des gewollten Nicht - Wollens äußert sich in der ambivalenten Verfassung, in der man sich beim "Empfangen" befindet: Der Empfang hat mit Fangen zu tun.(11)

Diese Empfänglichkeit läßt sich vorbereiten und kennt unterstützende Maßnahmen. Es geht darum, bei den Beteiligten Zustände der Besessenheit, des Außer - Sich - Seins, des Sich - Fremdwerdens, der "anderen" Wahrnehmung hervorzurufen. Diese Tradition hat viel mit Rausch und Ekstase und wenig mit Nüchternheit und Rationalität zu tun. (12) Für die magische Vereinigung müssen "normale" Trennungen aufgehoben, der Geist entwaffnet (13), distanzierende Einstellungen und Haltungen abgebaut werden. Dies geschieht hauptsächlich durch spielerische Bewegung. Es muß etwas aufs Spiel gesetzt, ein Risiko eingegangen, >Etwas< mit ungewissem Ausgang erprobt werde; jedenfalls ist das der Hauptzweck der Illusion (von lat. in lusio: Eintritt ins Spiel). (14)

Die mimetische Wiederholung ist magischer Bildzauber; dieser will mit dem Vorbild, dem Vor - Spiel, der Vor - Stellung etwas Ähnliches hervorrufen (Gleiches aus Gleichem, Gleiches zu Gleichem). Mit Gebärde, Tanz, Klang, Wort, Lied, Bild usw. wird versucht, die "Mächte" zu erreichen, sie zur Wieder - Gabe (im Austausch zur Hin - Gabe) zu zwingen. Weil man den Himmel beobachtete und aus den Bewegungen der Planeten die Existenz einer anderen als der menschlichen Zeit herauslas, "ahmte" man entsprechende Bewegungen "vor".

Vor - Ahmung waren auch die Rhythmen, Abfolgen und Gebärden beim rituellen Tanz. Das endlose Ornament, das Spiralmuster, die Windungen und Schleifen des Mäanders wiederholen die Grundstrukturen derartiger Bewegungen bzw. sind das innere Bild der realen motorischen Rhythmik. Die Körperbewegung wird nachgezeichnet, es wird ein Raum gestaltet, ein Bild vorgestellt; und dadurch eine zeitliche Wiederholung repräsentiert. Bei dieser "freiwilligen Unterwerfung unter Zeitgesetze", (15) die wie gesagt mit Freiheit und Wille nichts zu tun hat, folgt die Hervorbringung von Bildern und Denkfiguren einer Regel und einer Verpflichtung. (16) Weil es um ein Spiel und nicht um willentliche Aktivitäten geht, hat Freud sich veranlaßt gesehen, das Erinnern vom Durcharbeiten zu unterscheiden: "Beim Erinnern will man noch zuviel, man will sich der Vergangenheit bemächtigen... Im Unterschied zur Erinnerung würde die Durcharbeitung sich als eine Arbeit ohne Zweck, also ohne Willen definieren, ohne Zweck in dem Sinne, daß sie nicht von dem Begriff eines Ziels geleitet wird, aber doch nicht ohne Zweckmäßigkeit ist. (17)

Die allgemeine Bestimmung der Wiederholung trifft auch auf die ersten Lebensmonate des Menschen zu. Aneignen und Lernen sind Neu - Erfinden von Zeichen, Worten, Bildern, die es schon lange gibt. Sie "bezeichnen" die Fundamente des körperlichen Lebens: Gleichgewicht, Oben - Unten, Innen - Außen, Rechts - Links, Hell - Dunkel, Temperatur, Vibration, Rhythmus, Tempo, Dauer, Nuancen, Gerüche, Geschmack, Farben ... Die Kindheit der menschlichen Gattung wird in den ältesten Zuständen des Kindes "durchgearbeitet".

Diese Anfänge lassen sich allerdings nicht auf direktem Weg erreichen; nur auf Umwegen, nach Art des Labyrinths. Benötigt wird die Kunst des Sich - Verirrens. Prousts Erkenntnis, daß nur noch dasjenige, was nicht mit Bewußtsein erlebt worden ist, in die "mémoire involontaire" eingeht, bedeutet, daß die Erfahrung der fundamentalen Bilder eine Ausnahmesituation darstellt. Von diesem erzwungenen Exil wird uns von Künstlern und Verrückten - mehr oder weniger verständlich und anschaulich - berichtet. Wer sich auf die Reise macht (auch als Betrachter der Bilder) muß sich geistig verwirren lassen können (span. trastorno) (18), muß für die Aufspaltung seiner fiktiven Einheit bereit sein. Erst diese "Empfänglichkeit" für die Zeit als das Geheimnis der Dinge gewährleistet die "Wiederholung von Möglichkeiten" (Heidegger). Dabei geht es um Magie: um das ungefähre Verstehen des Fremden, ohne daß es aufhört, fremd zu sein. Im Spiel sich vergessen, im Labyrinth sich verirren und finden, trödeln und träumen, frei sein vom Universum des Nützlichen und Instrumentellen. Festhalten an der kindlichen Kunst, Dinge, Farben, Formen und Zeichen zu "beseelen".

Bildende Kunst, die für diese Wieder - Holung empfänglich macht, ist wie ein Trampolin, um "höhere Wirklichkeiten" zu erreichen (Tapiès). Beim Bilder - machen ebenso wie bei ihrer Betrachtung geht alles vom buchstäblichen Ein - Druck aus. Er ist das Merkmal des Anderen, des Abwesenden. Das war so in der Höhlenmalerei und wird auch in unserer Zukunft die Überlebenskunst bleiben.

 

Literatur

1) Michel Serres, Die fünf Sinne, 1993, Frankfurt/M.

2) Dietmar Kamper, Zur Soziologie der Imagination, 1986, München/Wien, S. 166 ff.

3) Dietmar Kamper, Die große Illusion, in: Wolfgang Zacharias (Hrsg.) Schöne Aussichten, 1991, Essen

4) Dietmar Kamper, Die Retraumatisierung eines Phantasmas, in: Bachmayer u.a. (Hrsg.), Nach der Destruktion  des  ästhetischen Scheins, 1992, München

5) Leopold Ziegler, Überlieferung, 1949, München

6) Dieter Claessens, Das Konkrete und das Abstrakte, 1980, Frankfurt/M.

7) Dietmar Kamper, Das Nadelöhr, in: Rötzer F./Weibel, P. (Hrsg.), Strategien des Scheins, 1991, München,  S.18

8) Hans Peter Duerr, Sedna oder die Liebe zum Leben, 1984, Frankfurt/M.

9) Joseph Leo Koerner, Die Suche nach dem Labyrinth, 1983, Frankfurt/M.

10) Dietmar Kamper, Das Nadelöhr, a.a.O., S.21

11) Michel Serres, a.a.O.

12) Peter Sloterdijk, Weltfremdheit, 1993, Frankfurt/M.

13) Jean-Francois Lyotard, Das Inhumane, 1989, Wien, S. 256

14) Dietmar Kamper, Das Nadelöhr, a.a.O., S.19

15) Dietmar Kamper, Schreiben ist Sich-Selbst-Fremdwerden; Interview in: Klappe-Auf, 3/94

16) Jean Baudrillard, Von der Verführung, 1992, München

17) Jean Francois Lyotard, Die Moderne redigieren, 1988, Bern

18) Klaus Discherl, kreative Zerstörung, in: H.U.Gumbrecht/K.L.Pfeiffer (Hrsg.), Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche,  1991, Frankfurt/M., S. 407

 

© 2012 Dr. Franz Littmann