Heinz Pelz

Dr.Franz Littmann

 

Wieder-Holung des Anfangs

 

Weil wir den Augenblick erleben, haben wir das Leben, d.h. wir sind in der Lage, Zeiterfahrung zu machen und festzuhalten. Er ist das Gelenk, die Aktualisierung der Vermittlung von Zukunft und Vergangenheit. „Ist das eine Ende der zeitlichen Erfahrungsskala durch Wahrnehmung des Augenblicks - des Stehenden Sturms, des nunc stans, der >Ewigkeit< - gekennzeichnet, so steht an ihrem anderen Ende die Erfahrung von Schlaf und Tod, des vorübergehenden oder endgültigen Zusammenbruchs. Aber so wie schon der Tod im Leben nicht wahrhaft endgültig ist, sondern Teil eines Rhythmus, dessen anderer Teil die Geburt ist, so ist es auch der endgültige des Lebewesens nicht. Auch er ist Teil eines Rhythmus, der zwischen Tod und Geburt, Vergangenheit und Zukunft, Raum und Zeit verläuft. Zeit, auch wo sie sich in Masse, Raum verwandelt hat, verwandelt zugleich sich immer wieder zurück in Zeit.“ 1)

 

Das bürgerliche Individuum, das sich als frei handelndes denkt, sich aber immer mehr in die globale Herrschaft eines massiven Wiederholungszwangs verstrickt, verliert die Fähigkeit zur Verwandlung. Nur Teilbereiche der Kunst ermöglichen noch Prozesse der Verwandlung von Zeit in Raum und wieder zurück in Zeit. Genau wie bei den Riten der Initiation geht es darum, die biologische Reihenfolge ausdrücklich biographisch umzustülpen 2), damit aus der Vergangenheit Zukunft wiederholt werden kann.

 

Es ist kein Zufall, daß die mit Fotografie, Film, neuen Medien usw. konfrontierte moderne Malerei sich mit dieser Umkehrung der Zeitverhältnisse intensiv beschäftigt.

 

Im Unterschied zur Literatur beispielsweise, die zeitlich gestreckte Mitteilungen macht, geht es in der Malerei um beständige Formen; die Präsentation erfolgt in einem Augenblick, den man wie ein Präparat zu isolieren versucht, hängt sicherlich mit dem Konkurrenzmedium Film zusammen; um den Unterschied herauszuarbeiten, spricht Paul Virilio bei den unbeständigen Formen des Films von einer Ästhetik des Verschwindens im Gegensatz zu einer Ästhetik des Erscheinens bei der Malerei.

 

Wie beim Initianden, dem gezeigt wird, daß seine Person gewissermaßen in die Tiefe geht, daß er selber der Ahne ist, von dem er zuvor noch geglaubt hatte, er habe ein von ihm losgelöstes Dasein 3), handelt es sich bei wirklichen Wiederholungen in der Malerei um Rückbindung und Wiederbringung von Verlorenem.

 

Auch die Aborigines in Australien erschaffen in ihrer Vorstellung die Schöpfung neu 4), wenn sie entlang der Song - Lines, der Stein - Kreise, der Merk - Male die Strukturen des Ur - Modells, des Ur - Sprungs ein zweites mal nach(voll)ziehen.

 

Was in der Malerei wiederholt wird, sind Zeichen und Symbole, die uranfängliche Bewegung bzw. eine Ur - Form repräsentieren. Mit einem Netz von Symbolen (Linien, Kreise, Gitter, Kreuze) reflektiert der Mensch die äußeren Rhythmen bzw. seine eigenen Antworten darauf. So erschafft er die Erfahrung von Raum und Zeit.  Auf der Spur der konkreten Raum und Zeit schöpfenden Bewegung bewegt sich „wirklich wiederholende“ Malerei, auch wenn sie die wirklichen Formen ihres Gehalts entkleidet hat und nur noch ihr begriffloser Ausdruck ist. Kierkegaard, der als erster von der Wiederholung als der entscheidenden Kategorie der Moderne sprach, sah - gegen Hegels Konzept der Erinnerung - eine Lösung in einer „wirklichen“ Wiederholung 5). „Wirklich“ ist die Wiederholung dann, wenn ein Bild zustande kommt, eine Einbildung vor den Bildern. Worauf es ankommt, ist nicht das „Etwas“, das Bild, das Produkt, das gesucht wird, sondern das Suchen selbst. 6) Setzt Malerei dieses Suchen in Gang, beim Maler ebenso wie beim Betrachter, wird dieser Moment der Schöpfung, genauer: der Selbst - Bestimmung, wiederholt.

 

Jedes Kind, das diesen Selbstbestimmungsprozeß wiederholen muß, verleiht Worten, Gegen-ständen und Zeichen, die es noch nicht genau kennt, beseelende Eigenschaften. In diese vor-gebriffliche Welt dringt Malerei ein, die den Bilderschutt freischaufelt und verschüttete magische, animistische Restbestände ans Tageslicht bringt.

 

Notwendige Voraussetzung dafür ist das Selbstvergessen, das Außer - Sich - sein, der Aus - Stand. Damit sich eine andere Zeit einstellt, muß man im Wahrnehmungsvollzug von Rhythmus und Bewegung verharren und aufgehen können. Diese Entbindung von einer bestimmten Sichtweise, von den Zwängen der Wirklichkeit des Lebens, von den Wiederholungs - Zwängen also, ist vergleichbar mit der Prüfung in vielen Initiationsriten, die in einem Gewaltakt, in der Tötung eines Tieres, manchmal auch eines Menschen, der als Gegner der Gesamtgruppe wahrgenommen wird, besteht. Dem Initianten muß Hören und Sehen vergehen, damit Auge und Ohr neu sehen und hören lernen, damit er fähig wird, die Welt zu verwandeln und das eigene Leben zu bestimmen.

 

Nur durch die Erfahrung des Todes wird die andere (Lebens)Zeit erfahrbar, die Zeit des „gelebten“ Augenblicks, den Kierkegaard als rätselhafte Paradoxie interpretierte: „Das muß wahr sein, daß im ersten Augenblick das Leben eines Menschen vorbei ist, aber es muß auch Lebenskraft dasein, um diesen Tod zu töten und ihn in Leben zu verwandeln.“ 7)

 

Um diese Lebenskraft zu finden, muß man dort suchen, wo sich die Anfänge manifestieren: bei der Menschheit bzw. beim einzelnen Menschenkind. Walter Benjamin hat die Essenz dieser Lebenskraft als Einbildungskraft, als Fähigkeit, sich nach seinen eigenen Regeln zu verwandeln, sich selbst zu überschreiten und ins Unbekannte zu reisen, verstanden und in seiner „Berliner Kindheit“ konkretisiert: Das Kind, das hinter der Portière steht, wird selbst zu etwas Wehendem und Weißem, zum Gespenst. Der Eßtisch, unter den es sich gekauert hat, läßt es zum hölzernen Idol des Tempels werden, wo die geschnitzten Beine die vier Säulen sind. Und hinter einer Türe ist es selber Tür, ist mit ihr angetan als schwerer Maske und wird als Zauberpriester alle behexen, die ahnungslos eintreten. Um keinen Preis darf es gefunden werden. Wenn es Gesichter schneidet, sagt man ihm, braucht nur die Uhr zu schlagen und es muß so bleiben. Was Wahres daran ist, erfuhr ich im Versteck. Wer mich entdeckte, konnte mich als Götzen unterm Tisch erstarren machen, für immer als Gespenst in die Gardine mich verweben, auf Lebenszeit mich in die schwere Tür bannen.“ 8)

 

Für das erwachsene bürgerliche Individuum bleibt nur die Kunst, wo das Unvereinbare (Innen und Außen, Gefundenes und Ungebundenes, Virtuoses und Beschränktes, Zufälliges und Konstruiertes, usw.) zusammengebracht wird. Nur in der Kunst bleibt ihm eine Sphäre, wo seine Subjektivität vollständig die Resultate seines Tuns bestimmt. Nur in der Kunst kann er an die Grenzen der Wahrnehmung stoßen, wo kein Bewußtsein, keine Erinnerung seine Erfahrungen determiniert. Nur in der Kunst kommt er zum Ur - Sprung, zur Wiederholung der körperlichen Erfahrung des gelebten Augenblicks, dem „glücklich erfahrenen Verfließen der Zeit“. (Oktavia Paz) 9)

 

Literatur:

1) Wolfgang Kaempfer, Die Zeit und die Uhren, 1991, Frankfurt/M. und Leipzig, S.95

2) Eugen Rosenstock - Huessy, Die Sprache des Menschengeschlechts, Erster Band, 1963, Heidelberg, S. 165

3) Hans Peter Duerr, Traumzeit, 1978, Frankfurt/M., S. 140

4) Bruce Chatwin, Traumpfade, 1990, München/ Wien, S. 25

5) Dietmar Kamper, Hieroglyphen der Zeit, 1988, Münchem / Wien, S. 144

6) Dietmar Kamper / Christoph Wulf, Im Schatten der Milchstraße, 1981, Tübingen, S. 188

7) Sören Kierkegaard, Die Wiederholung, 1984, Frankfurt/M., S. 12

8) Walter Benjamin, Berliner Kindheit um Neunzehnhundert, 1983, Frankfurt/M., S. 50

9) Dietmar Kamper / Christoph Wulf, Die sterbende Zeit, 1987, Darmstadt und Neuwied, S. 261

 

© 2012 Dr. Franz Littmann